Münster - Wie, um Himmels willen, konnte der SC Preußen Münster dieses Spiel nicht gewinnen. Da liefen gut und gerne 90 Minuten lang elf junge Männer in kurzen Hosen und rot-schwarz gewandet neben den Adlerträgern wie Kellner her, sie alle trugen ein imaginäres Tablett, auf dem diese drei Punkte zur Abholung bereitlagen. Bitte schön, nehmt sie euch, wenn ihr wollt. So einfach wie in der Bay-Arena wird es einer Mannschaft selten gemacht, einen Sieg abzugreifen. Wie also nur, welchen Grund gab es, dass der SCP mit 0:1 bei der zaghaften, zahmen und zahnlosen Bayer-Reserve verlor?
Auf den ersten Blick war es ein wirklich grandioser Freistoß von Björn Kluft, der nach 52 Minuten im Tor der Gäste einschlug wie ein Blitz, der das Spiel in ein Resultat goss. Nur so was wirft in der Regel eine Spitzenmannschaft nicht aus der Bahn, außer sie trägt ein Virus namens Schlendrian in sich. Und der fußballerische Impfschutz wirkt in Westfalen nicht Tag und Nacht, Woche für Woche bei Schmidts Schützlingen, Symptome dieser Krankheit traten in Leverkusen mal wieder hervor.
Trainer Roger Schmidt wanderte nach dieser Begegnung allein und an einem Keks knabbernd in den weitläufigen Katakomben des Fußball-Tempels unruhig hin und her. Dann sprach er vermutlich nicht alles aus, was ihn bewegte. Aber zumindest das: „Das Spiel darf man nicht verlieren, sondern wir müssen es klar gewinnen. Schlimmer geht es nicht.“ Glücklicherweise sprach er nicht über Glück und Pech, sondern über Entschlossenheit und Willen, um die Pleite zu erklären. Teammanager Carsten Gockel erinnerte sich an die ersten beiden Saisonniederlagen gegen Kaiserslautern und Mainz, als der SCP ordentlich spielte, dann aber doch den Sieg mangels Zielstrebigkeit verschluderte. Leverkusen sah eine Kopie davon.
Dabei schien Bruder Leichtfuß ausgetrieben aus den Köpfen der Preußen. Sieben Partien (17 Punkte) war der Fußball-Regionalligist ungeschlagen und rückte ins obere Tabellendrittel vor. Auch weil die Schmidt-Elf einen Mix aus Kampfkraft, Spiel-Organisation und Effizienz im Abschluss gefunden hatte. Aber vor allem, weil jeder für den anderen da, Hingabe zu spüren war. Zuletzt beim Gastspiel bei RW Essen, als Münster in Nachspielzeit das 1:1 markierte, bröckelte davon schon etwas, als die Anlaufzeit zu einem wirklich engagierten Auftritt über eine Halbzeit auf sich warten ließ.
In Leverkusen entwickelte sich ein eigenartiges Spiel. Von den Hausherren gab es nichts zu berichten., außer das die Verteidigung einigermaßen stand. In der Vorwärtsbewegung dagegen keine Chancen, kaum Offensivaktion: Harmlos, harmloser, Leverkusen. „Das muss man wohl sagen, dass unser Sieg glücklich war“, erklärte Ex-Nationalspieler und Trainer Ulf Kirsten grinsend, ihm wars einerlei. Münster hatte die Partie im Griff. Franz Beckenbauer pflegt in solchen Fällen von „gefühlten 94 Prozent Ballbesitz“ zu sprechen.
Münsters Überlegenheit war zumindest groß, unter dem Strich kam nichts dabei heraus, nur der Schock bleibt. Vor dem Wechsel war es Wojciech Pollok (25.), der an einem Pass von Marc Lorenz vorbeirutschte. Ein traumhaftes Anspiel von Mehmet Kara (38.) konnte Massimo Ornatelli nicht verwerten. Dazu gab es einige vielversprechende Angriffe ohne Abschluss.
Nach dem Rückstand aus der 52. Minute - im Übrigen resultierend aus einem unberechtigten Freistoß, als Marc Lorenz regelgerecht Sevdail Selmani am Strafraum getackelt hatte - agierte der SCP dann endlich mit Biss. „Erst als wir mit dem Rücken zur Wand standen, war richtig Zug drin.“ Das Potpourri der Chancen hätte für einen Erfolg immer noch reichen können, hier ein Auszug: Lorenz, Pfostentreffer Bakalorz, Erzen, Pollok, El-Nounou, Kara, Wissing - alles bestes Material zu Torerfolgen. Es sollte nicht sein. Die Passion, die Leidenschaft der letzten 30 Minuten hätten sich die Preußen-affinen Anhänger von der ersten Minute an gewünscht. Vielleicht war das die strenge Strafe für eine Stunde Dienst nach Vorschrift. Eine Spitzenelf darf sich so viel Larifari halt nicht erlauben.