Münster-Gievenbeck - Mercutio, alias Hendrik Mühlenbrock, stürzt mit wutverzerrtem Gesicht auf Romeo-Darsteller Elias Pandalis zu und reißt ihn in einem gewaltigen Schwung mit sich, bis beide unter lautem Poltern ungebremst auf den selbst gezimmerten Holzboden des kleinen Podestes vor der großen Bühne schlagen. Die Zuschauer in den ersten Reihen zucken erschrocken zusammen und bürsten sich betroffen den aufgewirbelten Kunstschnee aus den Haaren.
Ein versehentlicher Sturz der jungen, ungeübten Schauspieler? Keineswegs, denn was so echt aussieht, ist tatsächlich auf das beeindruckende mimische Talent der jungen und nur scheinbar laienhaften Schauspieler zurückzuführen. Unerwartet professionell, selbstbewusst, mutig und temporeich präsentierten die Zwölftklässler der Waldorfschule eine moderne Fassung des Shakespeare-Klassikers „Romeo und Julia“.
Bei dem jährlichen Theaterstück, das alle zwölften Klassen im Rahmen des künstlerischen Abschlusses aufführen, entschieden sich die 34 Schüler um Musiklehrer Günter Moseler in diesem Jahr für einen „Evergreen“ der Theatergeschichte. „Allerdings haben wir es etwas modernisiert. Der ursprüngliche Schluss schien uns zu vorhersehbar“, schickt Moseler voraus.Tatsächlich ist das Ende überraschend. Romeo und Julia überleben, die anderen sterben. „Wir wollten das Gute gewinnen lassen, die romantische Liebe sollte überleben“, erklärt Jula Meininghaus das Happy End.
Drei Julias und zwei Romeos probten zusammen mit den 29 weiteren - übrigens größtenteils männlichen - Nachwuchsschauspielern fast drei Wochen ununterbrochen und ließen dafür sogar den regulären Unterricht sausen. Gelohnt hat sich die Mühe: „Es war zwar sehr anstrengend und hat auch teilweise gekriselt, aber insgesamt war es eine total gute Zeit für uns“, findet Isabel Bernhard, die zusammen mit Marie Schwarm und Corinna Fühner das Julia-Trio bildet.
Unter den immerhin 22 Jungen ebenfalls drei Freiwillige für die Rolle des Romeos zu finden, gestaltete sich dagegen schwierig. Ein Dritter, der das Romeo-Duo aus Elias Pandalis und Fabian Sommer zum Trio vervollständigte, fand sich letztlich tatsächlich nicht mehr. Die zahlreichen Tanzstücke und Musikeinlagen boten trotzdem jedem Schüler die Möglichkeit, eine Bühnenrolle zu übernehmen.
Hohes Niveau hat seinen Preis. In den letzten Tagen vor der Premiere dauerten die Proben teilweise sogar bis weit nach Mitternacht. Moseler, der bereits zum elften Mal die Theaterschüler betreute, erinnerte sich mit einem Schmunzeln an den Satz, den er während der letzten Proben-Tage am häufigsten hören musste: „Herr Moseler, ich bin völlig fertig!“