Das nötige Geld ist jetzt da

Vom einstigen Fremdarbeiterlager in Hiltrup-Ost sind nur noch die Überreste alter Baracken und Bunker zu sehen. Ein Gedenkstein und Informationstafeln sollen künftig die Erinnerung wachhalten.Foto:
Vom einstigen Fremdarbeiterlager in Hiltrup-Ost sind nur noch die Überreste alter Baracken und Bunker zu sehen. Ein Gedenkstein und Informationstafeln sollen künftig die Erinnerung wachhalten.Foto:
(gro)


Münster-Hiltrup - Die Gedenktafeln für die in Hiltrup internierten Zwangsarbeiter können aufgestellt werden. Eine unwürdige Bettelei um den letzten Euro blieb am Donnerstagabend bei einer Vortragsveranstaltung zu diesem dunklen Kapitel der Ortsgeschichte allen Beteiligten erspart. Kaum hatte Bezirksbürgermeister Dr. Christian Tölle, der die Moderation im Hiltruper Museum übernommen hatte, Henning Klare das Wort erteilt, da verkündete der Vorsitzende des hiesigen SPD-Ortsvereins, die SPD-Mitglieder wollten 660 Euro für diesen Zweck spenden.

Damit steht die Finanzierung von rund 2800 Euro, an der sich Kulturamt und Bezirksvertretung ebenfalls mit Zuschüssen von insgesamt 1300 Euro beteiligen. Von 1940 bis 1945 befand sich am Föhrenweg in Hiltrup-Ost ein Lager, das seit 1943 ausschließlich mit Ostarbeitern belegt war.

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Der Abend war gleichwohl voller Denkwürdigkeiten. Bereits im Vorfeld war kolportiert worden, dass der Künstler, der mit der Gestaltung des Gedenksteines und der Gedenktafeln beauftragt werden solle, ein Mitglied der Kommunistischen Deutschen Partei (DKP) sei. Bodo Treichler sah sich zu einem Dementi gezwungen. Er sei parteilos, versicherte er. Gezielt gestreut wurde dieses Gerücht offenbar von einem Hiltruper, der als Rechtspopulist einschlägig bekannt ist.

Doch von wem war die Initiative für die Gedenktafeln ausgegangen? Etwa von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten, die einen entsprechenden Antrag am 31. Januar 2007 gestellt hatte? Deren Sprecher Detlef Lorber deklarierte den unseligen Nazi-Aufmarsch im Mai 2006 als eigentlichen Anlass dieser Initiative.

Oder hat SPD-Chef Henning Klare Recht, der sich eine kleine Belehrung des Bezirksbürgermeisters nicht verkneifen konnte und darauf hinwies, dass bereits „in der Zeit vor Ihrer Legislaturperiode“ die Bezirksvertretung sich intensiv mit diesem Thema befasst hatte?

Doch vermutlich liegen die Wurzeln noch tiefer: Rolf Janßen, ehemaliger Geschichtslehrer am Kant-Gymnasium und zeitweiliger CDU-Vorsitzender in Hiltrup, legte seinerseits Wert auf die Feststellung, dass er bereits vor zehn Jahren auf das vergessene Lager „Waldfrieden“ hingewiesen habe. Der gemeinsame Vorbereitungskreis aus der Clemensgemeinde sowie der Christuskirchengemeinde brachte in Erinnerung, dass er bereits seit 20 Jahren am Volkstrauertag zu einer Gedenkstunde an den Gräbern der dort beerdigten Fremdarbeiter einlade. Die Initiative sei damals von Pater Trilling ausgegangen.Dass in die aktuellen Planungen für den Gedenkstein die Evangelische Kirchengemeinde Hiltrup, die katholischen Kirchengemeinde St. Clemens und St. Marien sowie der Ökumenische Kreis für Frieden und Gerechtigkeit einbezogen sind, ist bekannt. „Das war für uns auch unabdingbare Voraussetzung“, bekräftigte CDU-Fraktionschef Mark Lütke Schürmann im Gespräch mit den WN die Haltung des Ältestenrates der Bezirksvertretung Hiltrup.

Mit Unverständnis reagierten insbesondere die Hiltruper Besucher, dass Bürgermeister Tölle seinerseits sich einmal mehr nicht als sattelfest in kirchlichen Fragen erwies. So begrüßte er Pfarrerin Bentrop als Vertreterin der katholischen Kirchengemeinde und korrigierte es auch nicht, was zu nicht überhörbarem Unmut führte. Pfarrerin Beate Bentrop ist seit langen Jahren Pfarrerin in der evangelischen Christusgemeinde tätig.

Mit Dr. Gisela Schwarze referierte zudem eine ausgewiesene Expertin zum Thema Fremdarbeiter. In ihren Vortrag fügte sie das Schicksal der in Hiltrup internierten Fremdarbeiter in die großen Zusammenhänge der menschenverachtenden Rassenpolitik der Nationalsozialisten sowie die Wirrnisse der Kriegsjahre ein. In Münster, der damaligen Hauptstadt des NS-Gaus Westfalen-Nord, habe es im heutigen Stadtgebiet drei große Lager gegeben: in Gremmendorf an der heutigen Birkenheide für mindestens 600 Menschen, das Lager „Waldfrieden“ im Hiltrup-Ost für 480 Menschen sowie in Mecklenbeck für 800 Menschen.

Im Lager „Waldfrieden“ seien seit 1943 ausschließlich Ostarbeiter aus der Sowjetunion interniert gewesen. Französische Zivilarbeiter seien bei Glasurit eingesetzt worden. Die Ostarbeiter in den drei großen Arbeitslagern seien mehrheitlich in die Fabriklager von Winkhaus, Hansen sowie der Hiltruper Röhrenwerke gekommen, berichtete Schwarze. Über die Zahl der Fremdarbeiter in Hiltrup herrsche weiter Unklarheit: Selbst eine Liste vom Februar 1949, die für die britischen Besatzer erstellt wurde, sei für die Fremdarbeiter bei Glasurit unvollständig. Französische Namen fehlten komplett. Die Liste umfasse die Namen von 351 ausländischen Arbeitskräften.

Wichtige Zeugnisse bieten Augenzeugenberichte, von denen die Historikerin im Briefkontakt ist. Das Buch „Der kleine Ostarbeiter“ von Nikolai Karpow empfahl sie zur Lektüre. Der 1932 geborene Karpow war zuletzt im Sommer 2004 in Hiltrup.

Auf den zentralen Wegen zu den Baracken, von denen lediglich noch wenige Überreste zu sehen sind, will der Künstler Bodo Treichler Gedenktafeln aufstellen. Im Bereich Föhrenweg soll zudem ein Gedenkstein aus Baumberger Sandstein errichtet werden. Die Texte seien mit Dr. Gisela Schwarze abgestimmt und würden in erster Linie auf Zeitzeugenberichten basieren. Vorgestellt wurden diese Texte trotz Nachfrage nicht. Angeregt wurde, auch russischsprachige Texte auf den Tafeln zu drucken.

VON MICHAEL GROTTENDIECK, HILTRUP

26 · 09 · 09



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