Carmen stört den Tinnitus

Gibt es eine schönere Art, den Tinnitus zu bekämpfen? Die Probanden hörten ein Jahr lang Musik, aus der die Tinnitus-Frequenzen herausgefiltert wurden.Foto:
Gibt es eine schönere Art, den Tinnitus zu bekämpfen? Die Probanden hörten ein Jahr lang Musik, aus der die Tinnitus-Frequenzen herausgefiltert wurden.Foto:
(Colourbox)


Münster - Klassische Musik ist unschlagbar: Im Kuhstall regt sie die Milchproduktion an, im Hamburger Hauptbahnhof vergrämt sie Kleinkriminelle - und in rechtem Maß gehört, bringt sie sogar Tinnitus-Patienten spürbare Linderung. Eine Wissenschaftler-Gruppe um den münsterischen Forscher Prof. Dr. Christo Pantev hat nun in der weltberühmten amerikanischen Zeitschrift PNAS (Proceedings of the National Academy of Science) die Ergebnisse einer Studie veröffentlicht, die den segensreichen Einfluss der Musik auf Tinnitus-Patienten untermauert.

Die heilsame Musik muss von Akustikern individuell für jeden Hörer vorbereitet werden. Ihr fehlen nämlich jene Frequenzen, auf denen der jeweilige Tinnitus funkt; „notched music“ heißt das in schönstem Wissenschaftler-Englisch. Das funktioniert mit jeder Lieblingsmusik; mit Klassik aber am allerbesten, weil deren Frequenzspektrum besonders groß ist.


Christo Pantev stieß schon vor einiger Zeit auf eine ältere Abhandlung über „notched music“. Gemeinsam mit seinen Kollegen Hidehiko Okamoto, Henning Stracke und Wolfgang Stoll hat er sich deshalb an eine langfristige Studie gemacht: Die Probanden - alle in ungefähr ähnlichem Alter und mit ähnlichen Tinnitus-Problemen - wurden in drei Gruppen eingeteilt. Gruppe eins hörte ein Jahr lang etwa zwei Stunden täglich „notched music“, Gruppe zwei bekam ein Placebo auf die Ohren - Musik, die nur ein bisschen verfremdet wurde, um wie „notched music“ zu klingen. Und Gruppe drei wurde gar nicht behandelt.

Auf der Homepage der Zeitschrift PNAS gibt es drei Klangbeispiele: die Carmen-Ouvertüre von Bizet im Original, als „notched music“ und als Placebo. Das Original klingt etwas strahlender und metallischer. Die anderen beiden Versionen klingen gleich. Die Ergebnisse aber lassen kaum Zweifel daran, dass das Placebo nicht gewirkt hat: Den Probanden der Gruppe zwei ging es nach einem Jahr Musikhören nicht besser als den Nicht-Hörern.

Ganz anders aber bei den Hörern der „notched music“: Ihre Beschwerden ließen deutlich nach, weil die Störgeräusche im Ohr leiser geworden waren. Die Wissenschaftler führen dies auf die geringere Stimulation der vom Tinnitus betroffenen Hörnerven zurück. Sie hoffen auf eine neue Tinnitus-Therapie: preiswert, angenehm für die Patienten - und überaus effektiv.

VON LUKAS SPECKMANN, MÜNSTER

29 · 12 · 09



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