Münster - 15 Jahre war der münsterische Grünen-Politiker Winfried Nachtwei die Stimme seiner Partei zu allen wichtigen Fragen der Verteidigungs- und Sicherheitspolitik. Nun scheidet der jetzt 63-Jährige nach vier Legislaturperioden aus dem Bundestags aus.
14 Mal reiste Nachtwei seit 2002 nach Afghanistan und wurde zu einem der profiliertesten Fürsprecher des Militäreinsatzes der Bundeswehr. Im September war der ehemalige stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag und verteidigungspolitische Sprecher seiner Partei zuletzt am Hindukusch. Seine Zeit als Abgeordneter beschließt er mit einem flammenden Appell, das Engagement in Afghanistan neu zu bestimmen und fortzusetzen, wie er im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Karin Völker erklärte.
Anschläge, Korruption, Wahlfälschung: Aus Afghanistan kommen momentan fast nur negative Nachrichten. Ist diese Sichtweise gerechtfertigt?Nachtwei: Ich bin sehr besorgt. Nach knapp acht Jahren internationaler Präsenz ist die Sicherheitslage zunehmend heikel. In Teilen des Landes ist Krieg. Aber es gibt immer noch positive Entwicklungen, von denen in der gegenwärtigen Diskussion viel zu selten die Rede ist.
Was sind die wesentlichen Verbesserungen für die Menschen in Afghanistan? Nachtwei: 80 Prozent der Bevölkerung Afghanistans haben heute Zugang zu Basisgesundheitsdiensten. Die Trinkwasserversorgung wurde in einigen Bereichen des Landes verbessert. Vor allem aber gibt es große Fortschritte in der Bildung: Sechs bis sieben Millionen Kinder und Jugendlichen besuchen jetzt Schulen, viele von ihnen Mädchen. Jetzt habe ich zum Beispiel ein Wirtschaftsgymnasium in Kabul für 1300 Mädchen besucht und dort eine beeindruckende Lernbegierde erfahren. Zur Talibanzeit ging nur eine Millioen aller afghanischen Jungen in eine Schule. Das alles ist nur durch den Einsatz internationaler Entwicklungshelfer und Soldaten möglich geworden. Es ist zentral, in Afghanistan die Chancen zu identifizieren und anzupacken.
In fast allen am Einsatz beteiligten Ländern inklusive der USA stehen die Zeichen momentan eher auf Rückzug. Würde der Abzug das Erreichte aufs Spiel setzen?Nachtwei: Ein plötzlicher Abzug hätte eine enorme Gewalteskalation und Destabilisierung zur Folge, auch des Nachbarlandes Pakistan. Die Erwartung in unserer Bevölkerung, dass dieser Einsatz in absehbarer Zeit zu Ende gehen muss, ist aber richtig. Darum muss die Politik endlich klare Ziele setzen und einen Aufbauplan vereinbaren. Eine Verpflichtung auf eine militärische Abzugsperspektive würde auch eine Disziplinierung und Mobilisierung mit sich bringen. Niemand will abziehen, ohne etwas erreicht zu haben.
Welcher Zeitraum schwebt Ihnen da vor?Nachtwei: Es geht um wenige Jahre. In dieser Legislaturperiode muss der militärische Abzug auf den Weg gebracht werden.
Und worauf müssten sich die am Einsatz beteiligten Länder, speziell wir Deutschen konzentrieren um für Afghanistan einen möglichst großen Fortschritt zu erreichen?Nachtwei: Die Kraft muss jetzt vor allem in den Aufbau von Polizei, Justiz und Armee sowie die Landwirtschaft gesteckt werden. Hier ist jahrelang viel zu wenig getan worden, und es wurde viel zu spät damit angefangen. Die Polizeiausbildung in der Breite an der Basis läuft ja erst seit Kurzem. Die deutschen Polizisten in Afghanistan leisten persönlich hervorragende Arbeit, die von den Einheimischen auch hoch respektiert wird, wie ich wieder beobachten konnte. Es sind aber viel zu wenige von ihnen im Einsatz.
Sie verlassen den Bundestag, bleiben Sie auch weiter für den Aufbau Afghanistans aktiv?Nachtwei: Das habe ich fest vor. Ich werde die Fraktion und die neuen Kollegen in dieser Frage beraten und stehe für alle bereit, die sich für Afghanistan engagieren wollen. Schon wegen der vielen Menschen, die ich dort kennengelernt habe, und die mit bewundernswertem Mut und Einsatz versuchen, ihr Land aufzubauen.