Münster - Der Aufbau geht ganz schnell. Martin Wabnik zieht alle Vorhänge zu und schiebt zwei Ziegelsteine unter die hinteren Tischbeine, damit sich die Platte etwas nach vorne zur Kamera neigt. Dann breitet der stattliche Mann mit dem Kurzhaarschnitt sorgfältig ein dickes grünes Tischtuch aus und schaltet die Kamera ein. Zur Begrüßung winkt er zackig mit der rechten Hand, ruft mit hoher Stimme ein fröhliches „Hallo!“ und dann gehts los.
Martin Wabnik kann spiegel- und seitenverkehrt schreiben. Das hilft ihm beim Erstellen seiner Mathematik-Filme. 1575 sind es bereits.Foto: (spe)
Sein allererster Film, den hat er vor zwei Jahren gemacht, widmete sich den Exponentialfunktionen. Da hat sich Martin Wabnik Salzteig genommen, gut geknetet und in Stücke geteilt: immer die Hälfte von der Hälfte von der Hälfte... Das mathematische Prinzip erklärt er mit klarer Stimme, mit präzisen Gesten und ungekünstelter Freundlichkeit. Und die selbst ernannten Mathe-Versager staunen: Ach so ist das!
Diesem ersten Film sind viele weitere gefolgt. 1575 sind bis heute in dem kleinen Büro im vierten Stock an der Wolbecker Straße entstanden, die kürzesten zwei, die längsten 17 Minuten. In ihnen wird so ziemlich jedes Problem besprochen und gelöst, das einem Mathe-Schüler von der Mittelstufe an bis zum Abitur begegnen kann. Und Martin Wabnik, der seine Beispielrechnungen spiegel- und seitenverkehrt zu schreiben versteht, wurde ein leiser Star der YouTube-Szene.
Mittlerweile ist er mit seinen Filmen zur Plattform sofatutor.com gewechselt, die ist nicht mehr kostenlos - die Unkosten drohten ihm über den Kopf zu wachsen. Zum Reichwerden reicht es nicht. Was ihn denn überhaupt antreibe? „Ich bin sehr begeistert“, sagt der 42-Jährige lächelnd.
Man glaubt es ihm. Seit seinem 15. Lebensjahr unterrichtet Martin Wabnik Mathe, und mit diesem Privatunterricht, den er in seiner „Mathematik-Werkstatt“ direkt am Servatiiplatz erteilt, verdient er bis heute sein Geld. An Erfahrung, vor großem Publikum aufzutreten, fehlt es ihm nicht - beinahe wäre ein Konzertpianist aus ihm geworden, auch als Profitänzer und Kraftfahrer hat er sich mal verdingt. Das Studium der Mathematik trieb den gebürtigen Recklinghäuser nach Münster, Logik war sein Hauptfach.
Vielleicht entwickelte er deshalb ein eigenes Unterrichtskonzept. Er nennt es „vergleichende Mathematik“, getrieben von der Abneigung gegen unverrückbare Wahrheiten im Matheunterricht. „Das minus mal minus plus ist, kann man nicht beweisen“, sagt Wabnik munter. „Das ist keine Wahrheit, sondern eine Festlegung, allerdings eine vernünftige.“ Sein Ehrgeiz geht dahin, seine Schüler-Zuschauer zu überzeugen, nicht mit Regeln zu konfrontieren.
Und dafür seien die kurzen Filmchen im Internet ein ideales Medium: „Gerade in der Mathematik ist Anschaulichkeit wichtig.“ Die binomischen Formeln beispielsweise - die kann er mit Worten und Körpersprache in zwei Minuten so rüberbringen, dass ein 14-Jähriger gut mitkommt. „Rein schriftlich würden diese Erklärungen ein paar Seiten füllen.“ Vollends begibt er sich auf Augenhöhe mit seinem Publikum, wenn er als Mathepolizei auftritt - und die beliebtesten Schüler-Fehler dick als solche ankreidet: (a + b)² ist unter gar keinen Umständen a² + b² . . .
Ist das Internet also die Zukunft des Matheunterrichts? „Glaub ich nicht“, sagt Martin Wabnik. „Es wird eine Rolle spielen. Aber es wird auch immer den direkten Unterricht geben. Und Bücher.“