Hölzerne Braut wie ein Lagerfeuer

Alex Jacobowitz ist nicht nur ein Meister an seinem Instrument, sondern auch ein Show-Talent.
Alex Jacobowitz ist nicht nur ein Meister an seinem Instrument, sondern auch ein Show-Talent.
(Foto: -zin-)


Münster. „Ich heiße Alex, ich komme aus New York, und meine Frau heißt Xylofon.“ Das ist nicht einzige Liebeserklärung, die Alex Jacobowitz an diesem Abend lächelnd über die Lippen kommt. Aber würde man jemandem eine Liebeserklärung machen, der 50 Meter entfernt ist? Wohl kaum. Also winkt der Musiker jene versprenkelten Besucher, die im Waldorf-Konzertsaal schüchterne Distanz suchen, immer wieder heran: „Kommt so nah wie möglich – kostet auch gar nix mehr!“ Diesem Schelm ist nicht zu widerstehen. Fast alle folgen dem bärtigen Virtuosen, versammeln sich um seine hölzerne Braut wie um ein Lagerfeuer, das im dunklen Raum in warmen Tönen flackert. Und wäre der Saal so gut besucht gewesen, wie es diesem Musiker gebührt, hätte solche Intimität sich kaum eingestellt.

Alex Jacobowitz liebt diese Nähe, die er sich früher als Straßenmusiker verschaffte. Und er liebt sein Xylofon, dessen afrikanische Wurzeln er anekdotenreich beschreibt. Vor allem liebt er jene Klas-sik, die ihn und seine Schlägel links liegen lässt. So muss er Bach, Mozart und Beethoven eben arrangieren.


Dann prescht Mozarts „Alla Turca“ wie ein Wirbelwind, und der „Mondschein“ glimmt bei Beethoven milde vibrierend durch die Wolken. Dann können Bachs größte Melodien auch auf den Holzplatten und Resonatoren wirklich singen: Die berühmte Air aus der D-Dur-Suite hat den zügigen Pulsschlag der Moderne. Selbst im schwebenden „Jesu bleibet meine Freude“ verhakt sich Jacobowitz nicht. Wild stürzt er sich auf „Toccata und Fuge“, hält grinsend den Holzklöppel wie ein Revol-verheld und pustet den imaginären Rauch fort.

Aber die humorigen Show-Posen können nicht verber-gen, dass es Jacobowitz um die Tiefe in der Musik geht. Zu jedem Stück fabuliert er in amerikanisch gefärbtem, exzellentem Deutsch – halb Entertainer, halb gelehrter Rabbiner. Erzählt von der religiösen Toleranz, die Muslime, Juden und Christen vor tausend Jahren in der Alhambra von Granada fanden, die Francisco Tárrega später in Gitarrenklänge fasste.

Der „Rhythm Song“ seines Studienfreundes Paul Smadbeck ist dagegen „echte“ Xylofon-Musik: Ganz für den hypnotischen Ostinato-Tanz der hölzern gebrochenen Akkorde gedacht und glänzend gespielt. Der Schluss gehört Musik aus der Klezmer-Tradition, der Alex Jacobowitz einige Verse auf Jiddisch voranstellt. Auch dies klingt vom Xylofon wunderbar authentisch. Die Zuhörer danken mit begeistertem Applaus, und Jacobowitz dankt seinerseits für die Wärme, die er gespürt habe.

VON ARNDT ZINKANT, MÜNSTER

04 · 09 · 08



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