Münster. „Mein Weg in die Literatur begann im Alter von zehn oder elf Jahren. Ich las von Alexandre Dumas den ,Grafen von Monte Cristo‘ und wollte ganz einfach wissen, wie es weitergeht. Ich war an der Handlung interessiert und an nichts anderem.“ Damit beseitigt Marcel Reich-Ranicki, jetzt in Münsters Schloss zu Gast, die gelegentliche Fehleinschätzung, wonach sich seine Begabung bereits im zarten Jugendalter gezeigt habe. Wenn man dem Kritiker zuhört, bekommt man gleichzeitig Gelegenheit, seine Bücher ganz neu zu betrachten: „Hamlet – es ist das Drama eines Intellektuellen. Hamlets Vater wurde ermordet und der Sohn soll ihn rächen. Stattdessen kommt ihm die Idee, dass alles ganz anders gewesen sein könnte. So entstehen seine Zweifel, was er tun darf oder soll.“ Die weltweite Verbreitung dieses Stücks beeindruckt Reich-Ranicki sichtlich. „Sogar in Alaska und in der Mongolei wird das gespielt.“
Ohne Manuskript spricht Reich-Ranicki über eine Stunde mit stetem Blickkontakt in den Saal. Das Publikum verfolgt fasziniert Gestik und Mimik: „Romeo und Julia ist das Stück mit dem größten Einfluss auf die Weltliteratur. Ich denke dabei an Schillers ,Kabale und Liebe‘.“ Überhaupt Schiller. Der bekommt es zunächst knüppeldick und dann doch ein Lob hinterher: „Schiller war kein Lyriker, seine Lyrik hätte er besser unterlassen. Ich persönlich liebe seine Ballade ,Die Kraniche des Ibykus‘ als das Schönste in deutscher Sprache!“ Dann geht es ins das 19. Jahrhundert: „Theodor Fontane war sehr lange verkannt! Ich sehe ihn zwischen Goethe und Thomas Mann! Daher liegen Fontanes ,Effi Briest‘ und ,Jenny Treibel‘ zwischen den ,Wahlverwandtschaften‘ und den Buddenbrooks.‘“ Fontanes ,Stechlin‘ hingegen rangiert in seiner Wertschätzung weiter hinten: „Es ist ein Konversationsroman.“ Und über den Zweck der Literatur hat er ein prägnantes Zitat von Thomas Mann aus dessen Exilszeit entdeckt: „Literatur soll Freude bereiten.“