Große Gefühle: Nach sieben Jahren verabschiedete sich Manfred Schlarmann als Kolping-Karnevalspräsident und wurde von Elferrat und Publikum stürmisch gefeiert. Fotos: (Meyer)
Everswinkel - Nun ist es also wirklich passiert. Manni, der jecke Kolping-Libero, hat die Präsidentenbinde abgelegt und das karnevalistische Spiel verlassen. Damit ist Everswinkel endgültig seiner närrischen Doppelspitze mit Manfred Schlarmann und Guido Loick beraubt. In einem emotionalen Finale verabschieden sich die beiden am Samstagabend am Ende der Kolping-Karnevals-Show im Duett singend von der Bühne. Dazu Wunderkerzen, Leuchtstäbe und eine aufgewühlte Narrenschar, die bis an die Bühne vorrückt, und aus der es Wurfgeschosse hagelt - Rosen, Plüschtiere und sogar zwei sehr intime weibliche Kleidungsstücke. Die Zuneigung ist halt sehr groß.
Ist das nun das Ende der Narretei im Vitus-Dorf? War die fröhliche Kolping-Bühnen-Show nun das ultimative Finale? Ein Finale, das vom Milter Fanfarenzug mit einem ersten pfeffrigen Medley um 19.48 Uhr eröffnet wurde. Der Einzug des Elferrates riss das bunte Narrenvolk in der ausverkauften Festhalle dann erstmals von den Sitzen. „A Little Less Conversation“ tönte es aus den Boxen, und die „Holzfellas“ hielten als coole Elvis-Truppe mit aufgebrezelten Petticoat-Girls im Schlepptau Einzug.
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Charmant der Auftritt der Blau-Weißen Funken, die einmal mehr eine gelungene Choreographie auf die Bühne brachten. Den ersten Orden des Abends gab´s dann aber für die kleine Joana ,die sich in ihrem roten Flamenco-Kleid zwischen die blau-weißen Tänzerinnen einreihte. „Wir hoffen, dass Du hier irgendwann auf der Bühne stehen wirst“, rührte der Präsident schon mal die Nachwuchs-Werbetrommel.
Der Neue: Jörg Meininghaus machte in seiner Rolle als Playboy-Chef Heffner mit Fast-Pretty-in-Pink-Bunny-Begleitung gleich mächtig Eindruck.
Hidding. Willi Hidding - so lautet auch ein Nachwuchs-Name. Aber nicht in tänzerischer Hinsicht, sondern in der Bütt. Nachdem er - wie er redselig erzählte - vor 50 Jahren mal bei einer Weihnachtsfeier der Hiltruper Messdiener in der Bütt gestanden hatte - erfüllte sich nun sein persönlicher Kindheitstraum, „noch mal auf einer richtigen Bühne vor 5 000 Leuten zu stehen“. Reichte nicht ganz am Samstag. „Je älter man wird, umso knackiger wird man - mal knackt es hier, mal knackt es dort“, setzte er an, um im gemütlichen Plausch übers Älterwerden zu referieren. Alzheimer-Prozess in Reimform. Nach zehn von angekündigten 86 Strophen war aber Schluss. Das übrige Programm hätte sonst wohl abgesagt werden müssen.
Charmante Truppe: Die Kolping-Tanzgruppe eroberte die Herzen im Sturm.
Locker und leichtfüßig zog die Präsidentengarde das Tempo an, glänzte mit dem Gardetanz und legte bei der geforderten Zugabe mit „Kalinka“ noch russisch-rasant eins drauf. Verständlich, dass sich der scheidende Präsident bei der Garde für sieben Jahre Unterstützung bedankte, so wie auch bei BSHV-(Ex-)Präsident Guido Loick für die Zusammenarbeit. Der hatte mit seinem Elferrat und Zermonienmeister Frank Refi auch ein Geschenk für Manni dabei: eine sieben Jahre alte Säulen-Hainbuche. Gute Freunde waren die beiden Präsidenten, und das bleiben sie wohl auch als karnevalistische Rentner.
Im Rock´n´Roll-Tempo feierte der Elferrat - mit Jan thiemann, Dennis Silling, Jan Hendrik Schlarmann, Marian Mutz, Marco Vennhues, Fredrik Isselhorst, Stefan Struchtrup, Valerij Werner, David Wiedau und Mark Riesenbeck - kurz vor der Pause seinen Einsatz: Mit „Jailhouse Rock“ rockte die „Elvis-and-Girls“-Truppe die Halle zur Halbzeit, bevor sich das Publikum auch mal selbst austoben konnte.
Eine Bade-Oper auf der Bühne: Was der Prinzenrat mit den Ex-Tollitäten der vergangenen Jahre bot, hatte Kleinkunst-Qualitäten. Gekleidet in rot-weißen Ringel-Ganzkörper-Badeanzügen, tauchten sie in der Wasserkulisse ab und auf, bildeten Schaubilder wie in alten amerikanischen Revue-Filmen, pflügten zur Filmmusik von „Das Boot“ durch die Fluten, ließen die Titanic am Eisberg zerschellen und jagten - nach stürmischem Applaus und lauten Zugabe-Rufen - letztendlich den „Weißen Hai“ in die Flucht. Fantastisch und fantasiereich. Die Knüller-Nummer des Abends.
Gelungener Auftritt: Der Elferrat rockte als coole Elvis- und Petticoat-Truppe.
Blau-Weiße Funken - Wiedersehen beim Show-Tanz. Es waren schon heiße Piratenbräute, die da zu den Klängen von „Fluch der Karibik“ in See stachen, und - bewaffnet mit reichlich Charme - über die Meere tanzten auf der Jagd nach den nächsten Schätzen.
Ein solcher Schatz ist sicher der Bänker alias Burkhard Serries, ein Rhetorik-Schatz. Was er so im Laufe eines Jahres beobachtet, verarbeitet und dann völlig relaxt erzählt, ist schon ein Genuss. Da wird das Thema „Nacktscanner“ als künftige Eingangskontrolle für die Festhalle aufgegriffen („Das macht der Kolping selbst“ - der Elferrat steht Spalier, vorne gibt man die Kleidung ab, läuft durch, und hinten bekommt man sie wieder), da bekommt Everswinkel angesichts der Gemeindefinanzen „seine eigene Banken-Krise“ und eine ganz eigene Daten-CD-Geschichte („Herr Bürgermeister, ich hab da was...“).
Das Thema Lebensmittelversorgung wird natürlich erwähnt („Ich sehe schon die Schlagzeilen: ,Hungersnot im Nachbardorf vom Golddorf, und Alverskirchen entsendet die ersten Rosinenbomber nach Everswinkel.“), natürlich geht´s ums neue Vitus-Sportcenter („Die schönste Halle weit und breit. Das ist wie in Dubai. Die haben jetzt den höchsten Turm der Welt - dafür sind sie fast pleite.“), natürlich findet die Verbundschule ihren Niederschlag („Da sind Haupt- und Realschüler unter einem Dach. Das darf man nicht mit der Waldorfschule verwechseln, da sind´s Schüler und Ziegen.“) und natürlich erinnert der Bänker an die Kirchenfusion und verweist darauf, dass die Erinnerungsstele auf halber Strecke zwischen den Ortsteilen ja genau an einer RWE-Trafostation aufgestellt worden sei - „immer wo Alverskirchen und Everswinkel zusammentreffen, ist Hochspannung“.
Präsidiales Abschieds-Duett: Manfred Schlarmann und Guido-Loick.
Irre, was die drei „Wackeltenöre“ so auf die Beine bringen. Oder besser: Was sie mit ihren Beinen machen. Angereist aus dem norddeutschen Hude, bewiesen sie auf ganz eigenwillige Art, dass auch die Oper im karnevalistischen Treiben ihren Platz finden kann. Zumindest, wenn Arien zu so einem unglaublichen Balanceakt werden, dass die Tenöre schwerelos den Regeln der (Körper-)Physik zu widersprechen scheinen. Ganz andere Bewegungen hat die Tanzgruppe „Fire Fly“ drauf. Mit ihrem swingend-poppigen Medley eroberte sie die Herzen im Sturm und setzte die Tradition toller Kolping-Tanzgruppen mitreißend fort. Very charming!
Chef-Sache schließlich der Dank zum Ende ans V-Team mit Hille Riesenbeck, Ulli Knossalla, Kerstin Schmitz, Heike Rolle, Sandra Eckel, Christiane Bürgin, Theo Kortmann, Florian Glose, Tobias Kniesel, Jan Meininghaus, Rudi Termühlen, Peter Austermann und Robert Lindart für sieben gemeinsame Jahre. „Ich möchte kein Jahr, keine Veranstaltung missen“, sagt ein mit den Gefühlen kämpfender Präsident („meine Gefühlslage: Achterbahn im Körper“), der sich auch seine Moni auf die Bühne holt: „Ohne Dich hätte ich nicht eine Session durchgehalten.“ Und während aus dem Publikumsreihen „Manni, wir lieben Dich!“ gerufen wird, überreicht das V-Team Abschiedsgeschenke. In Form von Abschiedsreimen, in Form eines orangefarbenen Stuhls mit Kniebank und in Form eines Versprechens: „Manni, gib schön acht, 2012 wirst Du zum Prinzen gemacht.“
Halt: Und was ist denn nun mit der karnevalistischen Zukunft beim Kolping? Die ist gesichert durch den „Präsidenten im Praktikum“. Und das ist Jörg Meininghaus. Zuvor als großes Geheimnis gehütet, lüftete Schlarmann das reichlich diskutierte Rätsel um seinen Nachfolger. Eine echte Überraschung. Und der Vermögensberater kümmerte sich gleich rührend um den pensionierten Präsidenten. Mit einem Koffer für die Rente. Darin unter anderem eine Flasche Doppelherz, die Apotheken-Umschau, eine Gurke für die Augenpflege und eine Dauerkarte für den Seniorenkarneval.