Recke. „Wenn man die Aufgaben zuerst sieht, fühlt man sich ein bisschen erschlagen“, meint Rolf Husmann, so nach dem Motto: „Mann, was sind wir doof“. Aber davon ließen sich vier Chemie-Cracks des Fürstenberg-Gymnasiums, die es bis zur dritten Auswahlrunde für die Internationale Chemie-Olympiade (ICHO) schafften, nicht abschrecken. Sie bewiesen vielmehr, dass sie ganz schön clever sind.
Jonas Große Sundrup (18, Jahrgangsstufe 12), Lukas Rösner (17, Jahrgangsstufe 11), Christoph Köllmann (18, Jahrgangsstufe 13) und Rolf Husmann (18, Jahrgangsstufe 12) nahmen dafür jetzt eine Urkunde für gute Leistungen in der 2. Runde und einen Büchergutschein über 20 Euro entgegen. Und was sie am meisten freute: Sie durften sich für eines der hochkarätigen Regionalseminare (eintägige Chemie-Workshops) anmelden, die eigens den Teilnehmern der 2. Runde offenstehen.
„Es sind vielleicht 250 Schüler in ganz Deutschland, die so weit gekommen sind, wie diese vier “, meint Chemielehrer Dr. Rainer Eising, den die Schüler während der Arbeit für die Olympiade zurate zogen. Der Wettbewerb, den das Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften an der Universität Kiel ausrichtet, erlaube es, dass sich die Teilnehmer Expertisen einholen dürfen. Schließlich sind die Leistungen, die bei dieser Olympiade gefordert werden, nicht von Pappe.
Der Professor, der das Einstiegstraining an der Uni Münster leitete, habe gemeint, dass die Aufgaben geeignet seien, so manchen Chemieprofessor ins Grübeln zu bringen, erzählen die jungen Chemie-Freunde.
Seit Mai 2009 laufen die Auswahlrunden für die Olympiade, die vom 19. bis 28. Juli 2010 in Tokio stattfinden wird. Die besten 15 Absolventen der dritten Runde, für die sich die vier Teilnehmer aus Recke nicht mehr qualifizieren konnten, gehen in die vierte Runde, aus der die besten vier am Ende die deutsche Mannschaft stellen und zur ICHO nach Tokio fahren.
Nach dem Einstiegstraining, das an drei Samstagen in Münster stattfand (Anorganische Chemie, Organik, Physikalische Chemie), haben die jungen Chemie-Tüftler jede Menge Zeit und Arbeit investiert, um zu den Lösungsvorschlägen zu kommen, die sie - jeder für sich - für die Olympia-Auswahlrunden einreichten. „Zusammengerechnet auf jeden Fall zwei Wochen am Stück“, meinen die Gymnasiasten.
Und in den Sommerferien verbrachten sie fünf Tage lang von morgens bis abends im Chemiesaal. Die Aufgaben seien nicht allein durch Nachdenken lösbar gewesen, sagt Dr. Rainer Eising. Es habe auch sehr viel im Internet recherchiert und sehr viel Fachliteratur herangezogen werden müssen. „Die Bücher des Chemie-Grundstudiums reichten da nicht aus, da musste auch das ein oder andere Buch aus dem Hauptstudium her.“
Internationale Chemie-Olympiade
Die Internationale Chemieolympiade (IChO) ist ein jährlich stattfindender Wettbewerb für Schüler der höheren Schulstufen. Sie ist eine der Internationalen Wissenschafts-Olympiaden.
Die erste IChO wurde im Jahr 1968 in Prag (damals Tschechoslowakei) abgehalten. Seither fand sie jedes Jahr (außer 1971) statt.
Jedes teilnehmende Land entsendet eine Delegation aus maximal vier Teilnehmern und zwei Betreuern (einer von ihnen ist der Chef der Delegation, seit vielen Jahren Dr. Manfred Kerschbaumer) zur IChO. Alle Teilnehmer müssen jünger als 20 Jahre sein und es darf sich nicht um Studenten handeln. An der 36. IChO (2004) in Kiel nahmen insgesamt 61 Länder teil, weitere sieben haben Beobachter entsandt. Insgesamt waren dabei also 68 Nationen vertreten.
Der Wettbewerb umfasst nahezu das gesamte Spektrum der Chemie, so beispielsweise Anorganik, Organik, physikalische Chemie, analytische Chemie, Biochemie und Spektroskopie. Viele der bei der IChO behandelten Themen haben Universitätsniveau. Obwohl es prinzipiell jedem Teilnehmerland selbst überlassen ist, nach irgendeinem Verfahren die Teilnehmer zu bestimmen, werden normalerweise regionale und überregionale Olympiaden durchgeführt, wie beispielsweise die Deutsche Chemie-Olympiade als Qualifikation in Deutschland.
Die vier, die dieses Jahr aus dem Wettbewerb als Beste hervorgehen, fahren zur ICho (19. bis 28. Juli 2010) nach Tokio. (Quelle: Wikipedia)
Auch wenn jeder seinen eigenen Lösungsvorschlag erarbeitet und eingereicht habe, so sei es doch von Vorteil gewesen, gemeinsam arbeiten zu können.
„Wenn man sich nicht gegenseitig ein bisschen trägt“, meint Rolf Husmann, sei die Gefahr größer, irgendwann einfach aufzustecken.
Sich so tief in die Materie einzufuchsen, „das hat einfach Spaß gemacht“, sind sich die vier einig. Und: „Man lernt mehr, als im Unterricht“, sagt Jonas Große Sundrup.
Die Teilnahme an solchen Wettbewerben sei im Fürstenberg-Gymnasium Teil eines Gesamtkonzeptes, das sich die individuelle Förderung der Schüler auf die Fahne geschrieben habe, erläutert Dr. Eising.
So gebe es zum Beispiel auch für die Sekundarstufe I einen Chemie-Wettbewerb, an dem sich regelmäßig besonders interessierte Schüler beteiligen.
Die Aufgabenstellung schon der ersten und zweiten Runde zu beschreiben, ist in gebotener Kürze kaum möglich. Auf elf Seiten erstrecken sich die Fragestellungen für die Teilnehmer der zweiten Runde. Unter anderem setzten sich die Schüler mit leuchtenden Polymeren auseinander.
Als Alternative zu gängigen LC-Displays wird an der Entwicklung organischer Leuchtdioden geforscht. Konjugierte Polymere, die als organische Halbleiter aufgefasst werden können, sind eine Substanzklasse, die für den Einbau in LEDs infrage kommt.
Aber auch um Reaktoren, mehrstufige Synthesen und Halogenoplatinate drehten sich die Aufgaben.
Den hoffnungsvollen Chemie-Talenten machte das alles so viel Spaß, dass sie sich als Lohn für ihre Mühen nun angemeldet haben für ein Seminar bei Bayer Schering Pharma in Bergkamen, für einen Workshop im Forschungszentrum Jülich und für ein Seminar bei Bayer Crop Science im Pflanzenschutzzentrum Monheim.