Claus Arnold (r.) und Holger Forstmann arbeiten bei der Ausbildung künftig zusammen. (Foto: Kampferbeck)
Rheine. In der Speditionsbranche brechen neue Zeiten an. Künftig besitzt nicht mehr jeder Inhaber eines Lastwagenführerscheins automatisch die Qualifikation zum Berufskraftfahrer. Nach neuen EU-Richtlinien ist ab September 2009 für Lastwagenfahrer bei Ersterwerb des Führerscheins eine Zusatzqualifikation, für Führerscheininhaber eine Weiterbildung vorgeschrieben. Das zwingt Spediteure wie den Rheinenser Günter Lohmöller zum Umdenken.
„Wir müssen uns mit den neuen Gesetzen auseinandersetzen“, sagt Lohmöller. Daran führe kein Weg vorbei. Die Rheiner Spedition ist sich dessen bewusst und tritt offensiv die Flucht nach vorn an. Schon im kommenden August beginnt die Spedition in Kooperation mit der Fahrschule Wevers und dem Gefahrgutspezialisten Norbert Teriete im eigenen Hause die Aus- und Weiterbildung der eigenen und auswärtigen Fahrer.
„Wir machen das so früh, um für die Zukunft gerüstet zu sein“, sagt Fuhrparkleiter Jörg Strauß im Gespräch mit der MV. Die neuen Anforderungen an die Fahrer verlangen nicht nur umfangreiche Kenntnis im wirtschaftlichen und verschleißarmen Fahren, sondern auch in Sozialvorschriften, Arbeits- und Gesundheitsschutz, Ladungssicherung und Rechtsvorschriften im Güterverkehr. Der Fortbildungsumfang liegt bei insgesamt 35 Stunden alle fünf Jahre.
Sachgemäße Ladungssicherung ist unverzichtbar. Norbert Teriete (M.) zeigt Jörg Strauß (l.) und Pierre Emmerich, worauf es ankommt. (Foto: Feldkämper)
„Um Engpässe auf dem Bildungsmarkt zu vermeiden, empfehlen wir, bereits 2007 mit den Weiterbildungen zu beginnen“, erläutert Pierre Emmerich von der Fahrschule Wevers. Der Qualifikationsnachweis muss offiziell 2014 erbracht werden. Deutschlandweit müssen bis dahin etwa eine Million Fahrer geschult werden. „Für alle, die bis 2013 warten, wird es eng“, meint Emmerich.
Für die Spediteure und Fahrer bedeutet die neue EU-Richtlinie einen zusätzlichen Kostenaufwand. Nach anfänglicher Skepsis begrüßt Spediteur Lohmöller jedoch mittlerweile die neuen Vorgaben. „Die Fahrer sind unser Aushängeschild“, sagt Günter Lohmöller. Von daher sei es nur im Interesse der Unternehmen, auf qualifiziertes und gut ausgebildetes Personal zurückgreifen zu können.
Außerdem sieht der Spediteur auch die ökonomische Komponente. Mit einer wirtschaftlichen Fahrweise könne ein Fahrer bis zu 30 Prozent Kraftstoff einsparen. Das schont nicht nur die Umwelt, sondern auch den Geldbeutel der Speditionen. Zur Optimierung der Kraftstoffeinsparung stehen neuen Fahrzeugen künftig sogenannte „Fleet-Boards“ zur Verfügung.
Das Gerät ermöglicht der Speditionszentrale nicht nur, jederzeit die genaue Position der Fahrzeuge zu bestimmen. Die „Fleet-Boards“ geben Auskunft über das exakte Fahrverhalten. Unternehmen und Fahrer können aufgrund der vorhandenen Daten ihr Fahrverhalten optimieren. „Da gibt es richtige Europa-Meisterschaften“, meint Fuhrparkleiter Strauß.
Auch die Rheiner Fahrschule Arnold hat die Bedeutung der neuen EU-Richtlinie erkannt. Sie wird künftig mit der in Ibbenbüren-Uffeln ansässigen Spedition Forstmann kooperieren. „Das ist eine ökonomische Notwendigkeit auf beiden Seiten“, sagt Claus Arnold. Zum einen werde es für die Speditionen immer schwerer, qualifizierten Nachwuchs zu finden, andererseits sei es für Fahrschulen fast unmöglich, die neuen Anforderungen im Alleingang zu stemmen.
„Die klassische LKW-Fahrschule wird aussterben“, meint Arnold. Deshalb habe er frühzeitig die Weichen für die Zukunft gestellt. „Wir wollen Kraftfahrer, die schon heute auf dem Stand von morgen sind“, ergänzt Spediteur Holger Forstmann.
Am Montag hat Arnold den ersten Lehrgang gestartet. Dieser sei modular aufgebaut, so dass ein monatlicher Einstieg möglich sei. Die Ausbildung dauere insgesamt vier Monate. Rund 7500 Euro müssen für den Führerschein Klasse CE (ehemals Klasse II) bezahlt werden. Die eigentliche CE-Ausbildung sowie theoretische Weiterbildung erfolgt in Rheine. Die praktische Ausbildung hingegen werde bei der Spedition Forstmann durchgeführt, die dafür eigens zwei Lastwagen umgerüstet hat.
Das Kraftfahrzeuggewerbe werde bis 2012 zwischen 20 und 30 Prozent wachsen, sagt Forstmann. Und da benötige die Branche zusätzliche Fahrer. Es gebe zwar viele Kraftfahrer auf dem Markt, doch die seien oftmals nicht genügend qualifiziert. Forstmann hofft, durch die Ausbildung in seinem Hause geeigneten Nachwuchs zu finden. „Wir bilden hier nicht auf blauen Dunst aus, sondern haben eine Aussicht auf ein festes Arbeitsverhältnis“, sagt Forstmann.