Recke. Die wohl größte kulturelle Marktlücke in der Bergbau- und Töddengemeinde Recke scheint zweifelsohne die des Kabaretts zu sein. Doch wird diese Lücke erst einmal ausgefüllt, ist die Begeisterung in der Regel umso größer. So auch am Sonntagabend in der Gaststätte „Treppchen“, wo das sechsköpfige Kabarettensemble „Wurstwasser Productions“ sein Programm, die „Verwurstung 2008“ einem erwartungsvollen Publikum vorstellte.
TV-Jahresrückblicke à la „Jauch“ und „Kerner“ genießen im Vergleich zu dieser erfrischend anderen Berichterstattung allenfalls trivialen Unterhaltungswert. Ohnehin gehe die Macht in Deutschland nicht mehr vom Volke aus, sondern vom Fernsehen. Das Ensemble hat es sich unter Federführung von Christoph Tiemann und Urs A. von Wulfen zur Aufgabe gemacht bei ihrer „Verwurstung“ nationale und globale Themen durch den inszenatorischen Fleischwolf zu drehen. Die Ensemblemitglieder Christoph, Frauke, Ruth, Kerstin, Urs und Hannes - letztere übrigens beide Söhne der Gemeinde Recke - wählten für ihr Programm auch Themen, die 2008 nicht unbedingt im Fokus der Berichterstattung gestanden haben.
Inhaltliche Fragen zum Einbürgerungstest richtete das erfolgreiche Sextett eingangs direkt ans Publikum. Erwartungskonform, aber gleichwohl peinlich, dass nur die Wenigsten zu benennen wussten, wer den Bundespräsidenten wählt oder wie die Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern heißt. Dennoch sprach Hannes Casser dem Publikum sein Beileid aus: „Sie sind ab sofort alle deutsch“. Bezüglich der Bundesländer korrigierte Frauke: „Es gibt aber nur noch zwei Bundesländer: Aldi Süd und Aldi Nord.“
Im weiteren Verlauf richtete sich der Blick auf drängendere und globalere Themen, die den Nerv des Publikums vollends trafen, und bei denen das Engagement der Truppe für Menschenrechte und Redlichkeit mehr als deutlich wurde. So wurden die Missachtungen der Menschenrechte in China mit dem Kinderlied „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ unter Mitwirkung des Publikums ebenso aufs kabarettistische Korn genommen wie die Gewaltherrschaft von Simbabwes Präsident Robert Mugabe. Dabei gelang es den Akteuren in brillant bissiger Weise, die eigentliche Anklage verbal zu interpretieren.
Fehlen durfte natürlich nicht der US-Wahlkampf, bei dem das Sextett in einer Talkrunde ebenfalls manche Absurdität ausmachte. Gelächter und Spontanapplaus gab es auch über die Meldung, dass 40 Prozent der Bundeswehrrekruten übergewichtig seien und man nun ein „Kaloriensonderkommando“ einrichten wolle. Intensiv befasste sich das Trio in seiner Performance mit dem Rechtsruck: „Hütet euch vor dem deutschen Wald- und Wiesenfascho, denn er beißt, wenn er im Rudel auftritt.“ Doch schlimmer noch sei das „Braune Nadelstreifenhörnchen“, das bereits die Sprache der Parlamentarier beherrsche.
2008 muss so gesehen ein aufregendes Jahr gewesen sein. Denn da waren noch die Homophobiker, von schwulen Fußballern auf den Plan gerufen, die Deutsche Bahn und ihr mangelndes Bekenntnis zum KZ-Gedenkzug sowie Doping-Pferd „Cöster“, das in einem Interview nach seinen Beweggründen befragt wurde. Zwei Stunden Kabarett von seiner schönsten Seite. Und selbst die Zugabe, der von Ensemble und Zuschauern gemeinsam besungene „Strand von San Fernando“ hatte es in sich.
Treppchen-Wirtin Steffi Casser hatte mit der „Wurstwasser Productions“ einen Glücksgriff getan und will diesen zur Freude der Kabarettfans wiederholen. Wer das Sextett vorher erleben möchte, hat dazu am 13. Dezember in Münster im Café Milagro und am 14. Dezember im Haus „Maria-Frieden“ in Rulle Gelegenheit. Die Erlöse aus ihren kostenlosen Auftritten spendet das Ensemble komplett dem Straßenmagazin „draußen“.