Hannelore Müller-Flieshart, Gleichstellungsbeauftragte der Gemeinde Ascheberg, nimmt Stellung zu Frauenfragen und lädt morgen zu einem Frauen-Frühstück ein.
Ascheberg - Morgen lädt die Gleichstellungsbeauftragte der Gemeinde Ascheberg, Hannelore Müller-Flieshart, zum achten Frauenfrühstück ins Bürgerforum des Rathauses ein. Im Vorfeld nahm sie zu Frauenfragen Stellung.
Ist der Weltfrauentag, der am Sonntag begangen wird, noch aktuell oder längst ein Relikt aus weniger gleichberechtigten Zeiten?
Hannelore Müller-Flieshart: Es gibt viele traditionelle und historisch begründete Gedenktage auf regionaler und internationaler Ebene, die aus unterschiedlichen Gründen lebendig gehalten werden. Der Internationale Frauentag steht für das Durchsetzen der Interessen der Frauen, für die Gleichberechtigung und gegen mehrfache Ausbeutung und Unterdrückung. Der erste internationale Frauentag fand am 19. März 1911 in Dänemark, Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA statt. Millionen von Frauen beteiligten sich. Erst 1921 wurde das Datum 8. März endgültig festgelegt. Heute kämpfen Frauenrechtlerinnen vor allem für die Gleichstellung im Arbeitsleben, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie gegen Gewalt gegen Frauen.
Die feministische Bewegung hat seit Einführung des Internationalen Frauentages eine Menge erreicht. Dennoch ist der 8. März nicht nur ein Tag zum Feiern: in politischen Entscheidungsgremien und in Führungsetagen der Wirtschaft sind Frauen nur mit drei bis sieben Prozent vertreten. Im Jahr 2006 lag in Deutschland die Erwerbsquote für Frauen bei etwa 67 Prozent für Männer bei etwa 81 Prozent. Wenn auch die Zahl berufstätiger Frauen in Deutschland seit 1991 angestiegen ist, hat jedoch das Arbeitsvolumen von Frauen insgesamt nicht zugenommen. So ist die Zahl der Frauen in Vollzeitstellen stark gesunken, während zugleich viele Frauen eine Teilzeitarbeit oder eine geringfügige Beschäftigung begonnen haben. Das (Lebens-)Einkommen der Frauen liegt weiter erheblich unter dem der Männer. Alleinerziehende und Rentnerinnen sind hier besonders von Armut bedroht.
In vielen Bereichen und Gesetzen wie dem Ehe- und Familienrecht, den Diskriminierungsverboten im Arbeitsrecht (erstmalig1980), der Möglichkeit der strafrechtlichen Verfolgung bei ehelicher Vergewaltigung (1997), der Anerkennung von Erziehungszeiten bei der Rente (1986) und der Schaffung eines Gewaltschutzgesetzes
(2001) sind große und positive Veränderungen zu verzeichnen. Dazu gehört auch die Weiterentwicklung der Elternzeit als Lohnersatzleistung, die erstmals eine nennenswerte Zahl von Vätern für eine Betreuungszeit ihres Nachwuchses aktivieren konnte (2007). Gleichberechtigte Teilhabe von Frauen an allen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereichen ist noch lange nicht erreicht. Der internationale Frauentag ist kein Relikt aus alten Zeiten, sondern ein topaktuelles Ereignis, an dem Fraueninteressen gebündelt und benannt werden können.Weltfrauentag und Girls´ Day sind lange etabliert, hinkt nicht inzwischen die spezielle Förderung für Jungen hinterher?
Müller-Flieshart: Warum ein Zukunftstag für Mädchen? Im April 2000 wurde in Deutschland zum ersten Mal ein Girl`s Day organisiert. Mit dem Aktionstag haben bereits etwa 800000 Mädchen Berufe entdeckt, in denen Frauen bisher noch unterrepräsentiert sind. Die junge Frauengeneration in Deutschland verfügt über eine besonders gute Schulbildung. Dennoch entscheiden sich Mädchen im Rahmen ihrer Ausbildungs- und Studienwahl noch immer überproportional häufig für „typisch weibliche“ Berufsfelder oder Studienfächer. Damit schöpfen sie ihre Berufsmöglichkeiten nicht voll aus; den Betrieben aber fehlt gerade in technischen und techniknahen Bereichen zunehmend qualifizierter Nachwuchs.
Ich freue mich, dass der Weltfrauentag und der Girl`s Day etabliert sind. Veranstaltungen, die positive Ergebnisse bringen, können nicht falsch sein. Im Gegenteil, wir sollten uns darüber freuen, dass unsere Mädchen vielfach so gute Schulabschlüsse erreichen.
Doch auch Jungen können diesen Aktionstag nutzen: Sie können sich am Girl`s Day intensiv mit persönlichen Berufs- und Lebenszielen auseinandersetzen. Regionale Arbeitskreise sowie Pädagoginnen und Pädagogen an den Schulen haben die Möglichkeit, zusätzlich Programme für Jungen, die auf die Erweiterung ihrer Lebensperspektive und ihres Berufsspektrums ausgerichtet sind, zu etablieren. Denn auch die Jungen orientieren sich häufig eindimensional. Viele Initiativen und Netzwerke haben sich bereits des Themas jungengerechter Förderung aktiv angenommen. Schulische und außerschulische Aktivitäten zu den Themen Berufswahlmöglichkeiten, Lebensplanung und Sozialkompetenzen richten sich gezielt an Jungen. Auch in Ascheberg biete ich den Schulen die Vermittlung von Tagespraktikumsplätzen für Jungen an. Weitere Informationen bietet auch das Servicebüro „Neue Wege für Jungs“ .
Abgesehen von eine speziellen Förderung für Jungen oder Mädchen halte ich eine qualitative Verbesserung der schulischen Fördermöglichkeiten, verbunden mit einer erweiterten sozialpädagogischen Betreuung für alle unsere Schulkinder für wünschenswert und notwendig.
Wie weit ist die Gleichberechtigung in der Gemeindeverwaltung Ascheberg gediehen? Wie viele weibliche Beschäftigte gibt es, sind auch Leitungsposition durch Frauen besetzt? Wie hat sich diese Quote in den vergangenen Jahren verändert? Müller-Flieshart: Grundlage für die Erfassung von Daten zur Beschäftigungssituation der Frauen bei der Gemeinde Ascheberg ist der Frauenförderplan in der gültigen Fassung vom 1. Januar 2007 bis zum 31. Dezember 2009. In dem Frauenförderplan ist eine Bestandsaufnahme und Analyse der Beschäftigtenstruktur enthalten, sowie Prognosen und Zielvorgaben.
Am 1. Januar 2007 waren bei der Gemeinde Ascheberg insgesamt elf Beamte und Beamtinnen beschäftigt - davon nach Personalkapazität ( also nach Stundenanteilen unterschieden ) 56 Prozent männliche und 44 Prozent weibliche Anteile.
Tariflich Beschäftigte insgesamt 95 Personen - davon nach Personalkapazität - 55 Prozent männliche und 45 Prozent weibliche Anteile.
Bei den Auszubildenden unterteilen sich die Stundenanteile nach Personalkapazität auf 33 Prozent männliche und 67 Prozent weibliche Anteile. Vergleicht man alle Beschäftigten nach Laufbahngruppen und Entgeltgruppen fällt auf, dass eine Unterrepräsentanz von Frauen bei den höheren Entgelten besteht.
Insbesondere bei den Leitungsfunktionen auf Ebene der Fachbereichs- und Fachgruppenleitungen ist die Unterrepräsentanz der Frauen auffällig. Von den elf Fachbereichs- oder Fachgruppenleitungsfunktionen ist nur eine von einer Frau besetzt. Frei werdende Leitungsstellen konnten leider nicht weiblich besetzt werden. Hier besteht noch großer Nachholbedarf. Der nächste Frauenförderplan wird dieser Problematik durch Verankerung verschiedener Maßnahmen gerecht werden müssen.
Eine Änderung dieser Zahlen und Quoten hat sich im Bereich der Leitungsfunktionen nicht ergeben. In den unteren Entgeltgruppen hat sich der männliche Anteil leicht erhöht.Zusammenfassend ergibt sich, dass die Frauen in den mittleren und ganz niedrigen Eingruppierungen gut vertreten sind, aber nur zu einem geringen Anteil in den hohen Entgeltgruppen.