Hirnschrittmacher - Neue Lebensqualität für Menschen mit schweren motorischen Störungen

Prof. Wassmann und Dr. Angela Brentrup erklären den Hirnschrittmacher.Foto:
Prof. Wassmann und Dr. Angela Brentrup erklären den Hirnschrittmacher.Foto:
(Sokolowski)


Es klingt wie Hightech aus einer anderen Welt: Dünne Elektroden werden an bestimmte Stellen ins menschliche Gehirn gesetzt, dünne Leitungen führen von diesen Elektroden unter der Haut hinterm Ohr das Schlüsselbein herunter zu einem kleinen metallenen Kästchen, das im oberen Brustbereich ebenfalls unter der Haut sitzt und kleine Stromstöße in Richtung Gehirn abgibt.

Aber bei dieser Technik handelt es sich keineswegs um experimentelle Zukunftsmusik, sondern um einen neurochirurgischen Eingriff, der seit zwölf Jahren im münsterischen Uniklinikum durchgeführt wird und damit vielen Menschen, die unter schweren motorischen Störungen leiden, neue Lebensqualität verleiht. In den münsterischen Bettentürmen gibt es Experten auf dem Gebiet der ,Tiefen Hirnstimulation - wie die Behandlung im Fachjargon heißt. Ziel: Patienten soll mit diesem Eingriff geholfen werden, wieder ein ganz normales Leben zu führen.


Der Einsatz eines Hirnschrittmachers ist in der Öffentlichkeit als Behandlungsmöglichkeit der Parkinsonschen Krankheit bekannt geworden. „Bei uns macht der Anteil an Parkinson-Patienten jedoch nur gut ein Drittel der Operationen aus“, erklärt Oberärztin Dr. Angela Brentrup. „Unser Schwerpunkt liegt vor allem im Einsatz der Therapie bei Dystonien, also verschiedenen Bewegungsstörungen neurologischen Ursprungs.“ Unkontrollierte Bewegungen der Gliedmaßen, ständiges Zucken des Kopfes in eine Richtung oder starkes Zittern können Symptome dieser Störungen sein.

„Bei mir war es der sogenannte Schiefhals, der vor rund 16 Jahren auftrat“, erinnert sich der heute 54 Jahre alte Patient Wolfgang Meinert. Sein Alltag war stark eingeschränkt. Ständig habe sein Kopf quasi auf der Schulter gelegen. Zehn Jahre bekam er unzählige Spritzen in den Hals-Nacken-Bereich, bis das alles nichts mehr half. „Da habe ich mich im Internet informiert und bin auf Münster und die Möglichkeit gestoßen, einen Hirnschrittmacher einzusetzen.“ Für Meinert, so sagt er, war es die perfekte Alternative zu den nicht mehr wirksamen Medikamenten.

» Für mich war das die perfekte Möglichkeit, als meine Medikamente nicht mehr halfen. «
- Wolfgang Meinert

Der Hirnschrittmacher (ursprünglich als Herzschrittmacher entwickelt) wirke in diesem Fall zweifach, wie die Oberärztin weiß: „Erstens werden durch die hochfrequente Reizung die Dopamin bildenden Zellen stimuliert und zweitens die unkontrollierten Bewegungen gebremst.“ - „Mit der Tiefen Hirnstimulation versuchen wir nicht, die falschen Signale des Gehirns zu berichtigen, sondern gehen an strategisch wichtige Stellen im Gehirn, um dort so zu stören, so dass die Informationsverarbeitung in der Summe wieder richtig funktioniert“, erklärt Professor Dr. Hans-Werner Bothe, der die in Frankreich entwickelte Methode nach Münster brachte und sie seit 1997 am UKM einsetzt.Und das mit großem Erfolg: „Viele unserer Patienten, die zumeist zwischen 50 und 70 Jahre alt sind, können nicht mal ein Glas Wasser halten. Und sobald der Schrittmacher eingeschaltet wird, sind von jetzt auf gleich die Bewegungsstörungen weg“, wie Dr. Brentrup schon selbst mehrfach beobachtet hat. Und so war es auch bei Wolfgang Meinert: „Seit vier Jahren habe ich den Hirnschrittmacher und bin seitdem beschwerdefrei.“

„An erster Stelle steht jedoch die medikamentöse Therapie“, erklärt Professor Dr. Hansdetlef Wassmann, Klinikdirektor der Neurochirurgie. „Doch die Medikamente wirken nicht ewig“, ergänzt seine Kollegin, Dr. Brentrup, „nach durchschnittlich zehn Jahren schlagen die Mittel nicht mehr an.“ Erst dann verweisen die behandelnden Neurologen auf eine mögliche Hirnstimulation.

» An erster Stelle der Behandlung steht immer die medikamentöse Therapie. «
- Prof. Wassmann

Für Wolfgang Meinert war der Eingriff genau das Richtige. „Früher hat man Hirngewebe punktuell verkocht, um einen Effekt zu erzielen“, erinnert sich Bothe, „doch das hielt höchstens ein paar Monate. Den Hirnschrittmacher kann man immer wieder neu programmieren, ohne dass dabei ein Eingriff nötig ist.“

„Ich merke ja, wenn die Symptome wieder auftreten. Dann mache ich einen Termin in der Uniklink und das Gerät wird neu eingestellt“, erzählt der Patient. Sechs Mal war das bei ihm bislang notwendig. Alle vier bis sechs Jahre geht zudem die Batterie zur Neige, „da wird das Gerät ausgetauscht, und diese OP dauert nur rund 30 Minuten“, beschreibt Prof. Bothe den Eingriff.

Doch ein Allheilmittel gegen motorische Störungen ist der Eingriff nicht. Problematisch werde es, wenn man mit der Operation Parkinson behandeln wolle: Viele Ärzte verwiesen zwar auf die Behandlung mittels Hirnschrittmacher. „Aber die möglichen Nebenwirkungen bei Parkinson-Patienten werden allzu oft verschwiegen“, betont Dr. Brentrup. So ändere sich nach dem Eingriff nicht selten der Charakter der Patienten. „Sie entgleisen emotional. Manchen begehen sogar Diebstähle oder sind sexuell enthemmt.“

» Das Risiko, dass es zu Komplikationen kommt, liegt unter drei Prozent. «
- Prof. Bothe

Unter anderem sind es daher auch zumeist andere motorische Störungen, die in der Neurochirurgie des Uniklinikums operativ behandelt werden. „Besonders die Planungen beanspruchen viel Zeit“, so die Mediziner. Computer- und Kernspintomographie müssen durchgeführt werden, wegen der ständigen Bewegungen zudem in Vollnarkose. Dann wird genau berechnet, wo im Gehirn die Elektroden eingesetzt werden. „Die Operation selbst dauert dann fünf bis sechs Stunden“, erklärt das Team, „und schon während der OP können wir feststellen, ob die Elektroden wirklich an der richtigen Stelle liegen.“ Die besonders aufwendige Vorbereitung minimiere das Risiko, sagen die Experten, immerhin bohre man bei der Operation zwei Löcher in den Schädel des Patienten und es bestünde die Gefahr einer Hirnblutung beim Vorschieben der Elektroden in das Gehirn. „Das Gesamtrisiko, dass es zu Komplikationen kommt, liegt aber unter drei Prozent.“ „Es gibt so viele Tücken und Kleinigkeiten, auf die man achten muss - da sollte man nicht in Serie operieren.“

„Heilen“, darauf legen die Mediziner Wert, „kann man mit der Methode nicht. Es geht nur darum, die Symptome zu unterdrücken.“ Technisch am Ende der Fahnenstange angekommen ist diese Art des Eingriffs jedoch nicht. Die Uni Münster forscht weiterhin akribisch an neuen Einsatzmöglichkeiten dieser Art von Hightech-Medizin, die es schafft, Menschen wie Wolfgang Meinert ein Stück Lebensqualität zurückzugeben.


29 · 07 · 09


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