Kota/Budhpura - Chefan ist durch die Hölle gegangen. Jahrelang hat der Zwölfjährige für einen Hungerlohn von einem Euro pro Tag als Arbeitssklave in den Steinbrüchen von Rajasthan einen mörderischen Knochenjob verrichtet. Heute fühlt sich der kleine Inderjunge wie im Himmel. „Erst habe ich Steine gemacht. Jetzt gehe ich zur Schule.“ Andere hatten weniger Glück: Allein in der Region Budhpura sind geschätzte 15.000 der 100.000 Steinarbeiter Kinder.
Riesige Steinwüsten, so weit das Auge reicht. Barfuß, in Lumpen, mit nackten Händen, ohne Atemschutz schlagen die Wanderarbeiter Pflastersteine aus Abfällen der Steinbrüche. Immer 14 mal 14 Zentimeter. Wenn Fremde kommen, laufen die Kinder weg - das haben ihnen die Minenbesitzer eingebläut. Kinderarbeit unter 14 Jahren ist offiziell verboten. Beim angekündigten Besuch von NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann ist denn auch kein Kind am Meißel zu sehen. Hinter den Büschen hat sich aber eine Handvoll Kinder versteckt, andere haben vom Hämmern wunde oder verkrüppelte Hände.
„Je größer die Kinder werden, desto größer wird der Hammer“, weiß Benjamin Pütter. Gemeinsam mit dem katholischen Hilfswerk Misereor führt Pütter als Gründer der Organisation „Xertifix“ einen verzweifelten Kampf gegen die Kinderarbeit in Indien. „Xertifix“ hat mit deutschen Importeuren für 50 der 5000 Steinbrüche Verträge über ein Siegel abgeschlossen, das belegen soll, dass keine Kinderarbeiter eingesetzt werden. Ein Tropfen auf den heißen Stein - aber ein Anfang.
Wie auf einer Müllhalde leben Tausende Wanderarbeiter in Zelten und Bretterbuden direkt am Rande der Minen. Es gibt keine Toiletten, kein sauberes Trinkwasser, keine Schulen. Tag für Tag sind die Menschen schutzlos dem Staub ausgesetzt. Ein Leben wie in der Steinzeit. Babys, die hier geboren werden, werden nur 30 Jahre alt. Kinder, die hier arbeiten, kaum älter als 35 Jahre. Der schleichende Tod heißt „Silikose“ - Steinstaublunge. Viele Kinder haben längst keine Eltern mehr.
Das Hilfswerk Misereor will da nicht tatenlos zusehen. In Budhpura fördert Misereor eine Schule, in der 270 Kinder Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Marita Ishwaran, Leiterin des Projekts „NEG - Fire“, berichtet von Anlaufproblemen. „Wir mussten die Familien erst überzeugen, dass Bildung wichtig ist.“ Der frühere Kinderarbeiter Phoolchang erzählt dem Minister aus dem fernen Deutschland stolz von seinen persönlichen Plänen: „Ich will Lehrer werden.“ Bildung ist die einzige Chance für ihre Kinder.
Dass der hohe moralische Anspruch der deutschen Besucher in Indien an Grenzen stößt, wird in den Steinbrüchen deutlich. Ängstlich beäugt eine ältere Frau die Fotografen in der Laumann-Gruppe. „Machen Sie unsere Arbeit nicht kaputt“, bittet die Steinarbeiterin. „Die Kinder gehen zur Schule.“ Keiner weiß, ob das stimmt. Rolf Krebs, der Leiter des Evangelischen Büros in NRW, versteht die Nöte. „Sonst hätte sie gar nichts.“ „Ohne Arbeit,kein Essen“, bringt ein Wanderarbeiter die akute Notlage auf den Punkt.
Die Hände in den Schoß legen wollen die Besucher aus dem reichen Europa aber auch nicht. Die beiden großen Amtskirchen in NRW werden deshalb auf ihre Gemeinden einwirken, auf Grabsteine aus Kinderarbeit zu verzichten. Laumann, vom Elend beeindruckt, erwägt sogar ein gesetzliches Verbot.