Münster: Gehörlosenseelsorge Münsterland

Gehörlosenseelsorge Münsterland
Gehörlosenseelsorge Münsterland


NEWS: 17. Juli
Ausflug nach Lübeck. Wir fahren in die alte Hansestadt Lübeck. Die Sonne scheint, ein paar weiße Schäfchenwolken grasen am blauen Himmel. Wir, die Kinder, Jugendlichen und Betreuer der Ferienfreizeit der Gehölosenseelsorge Münsterland fahren mit unseren Bullis von Malente nach Lübeck.

Die Stadt ist voller Touristen - klar, denn NRW hat Ferien. Alle Parkplätze in der Stadt sind belegt. Da hilft nur eins: alte Bekannte aktivieren. Am Ausgang eines Parkhauses mitten in der Altstadt kennen wir die Parkwächter vom letzten Jahr. Da war auch alles voll und sie haben für unsere Fahrzeuge Parkplätze organisiert. Von hinten geht es an das Parkwärterhäuschen. Scheibe runter: „Wir brauchen für vier Bullis und einen Pkw Parkplätze.“ „Wie bitte - völlig unmöglich - alles voll.“ „Wir sind extra zu Ihnen gekommen, weil wir wissen, daß Sie für uns Parkraum finden.“


„Ach so, ja dann wolln wir mal sehn. Also - da hinten ist noch was frei, ja und der da auf Parkplatz 57 kommt heute nicht, und da drüben stellen Sie einen Wagen vor die Kette. Ja den Porsche könne Sie ruhig zuparken, der kommt erst nächste Woche zurück. Und den letzten Wagen stellen Sie am besten dort in den Schatten, dann wird der in der Sonne nicht so heiß.“ Klar, daß wir bei dem Service nach Lübeck fahren und nicht nach Hamburg. (dort haben wir im letzten Jahr fast Strafzettel bekommen).

Zu Fuß auf in die Stadt. Zuerst an der Trave entlang Richtung Holstentor. Die Stadt hat viele alte Häuser. Beeindruckend. Vor dem Holstentor die Salzspeicher. Sechs alte Backsteinhäuser auf einer Halbinsel, in denen früher Salz gelagert wurde. Das „weiße Gold“ mit dem die Lübecker Kaufleute reich wurden, weil damit der Fisch für die Fastenzeit in halb Europa haltbar gemacht wurde. Am Holstentor vorbei, um dann am Ufer der Trave Picknick zu machen - im Schatten.

Wir gehen weiter an alten Segelschiffen vorbei. Früher war der Hafen voll von ihnen. Heute sind es nur noch ein paar. Über die alte Drehbrücke (die kann man um 90° drehen, damit Schiffe passieren können) gehen wir die Engelsgrube hoch zur St. Jakobikirche. Das ist die Kirche der Schiffer, der Seefahrer. Innen ist es angenehm kühl und still. Zwei große alte Orgeln beherrschen das Kirchenschiff. Wir schauen uns die Überreste des Rettungsbootes der Pamir an, ein großes Segelschiff, das vor über 50 Jahren mit vielen jungen Seeleuten an Bord untergegangen ist.Fünf Menschen haben auf diesem Boot die Katastrophe überlebt. Unser Pastor erzählt die Geschichte vom Untergang der Pamir. Wir zünden Kerzen an und beten für alle Menschen, die auf See sind, daß sie sicher ans Ziel kommen. Gut, daß es einen Ort gibt, wo wir in Ruhe nachdenken können. Gut, daß wir für andere beten können. Hoffentlich betet auch jemand für uns, wenn wir in Not geraten.

Als wir aus der Kirche kommen sind wir hungrig und durstig und manche müssen aufs Klo. Wir teilen uns in Gruppen auf und gehen shoppen. Lübeck ist nicht schlecht zum shoppen. Nach eineinhalb Stunden haben wir genug davon und gehen schwimmen. Mitten in der Stadt gibt es einen kleinen See mit Badeanstalt, den Krähenteich. Dort erfrischen wir uns und ruhen uns vom anstrengenden Stadtbummel aus. Dann geht es wieder nach Hause - in die Jugendherberge Malente.

15. Juli
Schwimmen im Dieksee - Wer traut sich vom 5-Meter-Turm zu springen?

Im Kellersee haben wir schon gebadet, und es war richtig schön, aber eine Badeanstalt mit Rutsche und Sprungturm ist doch noch etwas anderes. Und so laufen wir zum Nachbarsee, dem Dieksee, wo es so eine Seebadeanstalt gibt. Der Weg ist schön, er geht durch einen Wald, in dem die Hirsche frei herumlaufen und sich streicheln lassen. In der Badeanstalt angekommen erklärt der Bademeister die Regeln und eine Betreuerin übersetzt in Gebärdensprache.

Für unsere Gruppe haben wir gelbe Armbänder dabei, damit sie einander gut erkennen können und damit der Bademeister weiß: Das ist eins von den hörgeschädigten Kindern. Das machen wir seit vielen Jahren so, denn einmal ist eins von unseren Freizeitkindern im Schwimmbad ausgerutscht, einer von den Badmeistern hat es gesehen und das Kind angesprochen. Weil es die Hörgeräte zum Schwimmen herausgenommen hatte, verstand es den Mann nicht und reagierte nicht. Der rief dann den Krankenwagen. Als das Kind schon fast auf der Trage lag, sah einer unser Betreuer was los war und klärte die Situation: Dem Kind war nichts passiert, es konnte nur nicht hören. Damit so etwas nicht nochmal passiert, haben wir für alle schicke gelbe Armbänder.

Jetzt schnell in die Umkleide oder die Klamotten am Strand ausgezogen und dann ins Wasser, 22,7 Grad warm. Wo ist die versprochene Rutsche? Sie ist kaum zu sehen, denn es ist eine transportable Babyrutsche aus Plastik. Wer von uns versucht, zu rutschen, bleibt stecken. Die Enttäuschung lässt sofort nach, als der Sprungturm ins Visier gerät. Dreimeterbrett und Fünfmeterplattform. Wer traut sich da runter zu springen? Die ersten Mädels sind schon vom Dreier gesprungen, andere sind noch vorsichtig, klettern die Leiter hoch, wagen sich aufs Brett, gehen bis ans Ende, schauen in die Tiefe. Und kehren wieder um. Die Freunde sind hinterhergeklettert und gebärden: „Spring einfach. Ist nicht schlimm.“ Oder „Soll ich dich schubsen?“. So geht das mehrere Male hin und her. Dann überwinden sie die Furcht und springen. „Und - wie war's?“ Zwei Daumen werden in die Höhe gereckt: Super!Einer von den großen Jungen ist noch nie gesprungen. Er will es unbedingt schaffen und nachdem er fünf Mal aufs Dreimeterbrett geklettert ist und wieder herunter, springt er beim sechsten Anlauf. Toll! Und jetzt auf den Fünfer. Er schaut in die Tiefe und es schaudert ihn. „So weit runter? Das schaffe ich nicht. Da sterbe ich vor Angst.“ Aber er bleibt oben und schaut denen zu, die sich trauen, zu springen. Drei Mädchen, ein Junge und eine Betreuerin. Und dann springt er die fünf Meter in die Tiefe und versinkt in einer Fontäne aufspritzenden Wassers im Dieksee. Als er wieder auftaucht, ist der Jubel groß bei allen Kindern mit den gelben Armbändern, die zugeschaut haben. Herzlichen Glückwunsch zur bestandenen Mutprobe.

14. Juli
Der Seehirsch

Am vierten Tag hängt an der Rezeption ein Foto, auf dem im Kellersee, unserem Badesee, eine Haiflosse zu sehen ist. Darüber steht: Achtung Süßwasserhai gesichtet. Vor dem Baden wird gewarnt.
Unsere Kinder haben das Bild auch schon gesehen und sind ganz aufgeregt: Im See ist ein Hai, gebärden sie. Wir können nicht mehr baden, zu gefährlich. Schade. Süßwasserhaie - gibt es die überhaupt? Ja - im Nicaraguasee und in Australien, aber im Kellersee? Vielleicht ist es ein überlebendes Exemplar einer ausgestorbenen Süßwasserhaisorte aus dem Perm-Zeitalter?

Am Tag zuvor berichtet eine Agenturmeldung von dem seltsamen Verhalten des Mäusehirsches (tragulus javanicus) in Indonesien. Auf der Flucht springt er ins Wasser und taucht für etwa zehn Minuten unter. Wissenschaftler stellen eine Verbindungen zu Walen her, die möglicherweise von Hirschen abstammen.

Könnte sich da nicht ein Zusammenhang zu dem Foto mit der Haifischflosse im Kellersee ergeben. Hat sich in den aus der Eiszeit stammenden Holsteinischen Seen etwa aus einem heute ausgestorbenen Riesenhirsch ein Wasserwesen entwickelt, dessen Flosse das Foto zeigt? Das ist durchaus möglich. Aus welchen Gründen auch immer gefiel es den Riesenhirschen im Kellersee so gut, daß sie nicht wieder herauskommen wollten. Und so wurden im Lauf der Evolution vom Hirsch zum Seehirsch aus den Hinterläufen eine waagrechte Schwanzflosse und aus den Vorderläufen zwei Schwimmflossen, ähnlich wie bei Robben. Die Ohrmuscheln verschwanden aber das Geweih blieb. Unter Wasser ist es zwar hinderlich, aber das ist es an Land auch, für die Balzkämpfe ist es aber unabdinglich.

Diese Überlegungen überzeugten alle und da Hirsche Pflanzenfresser sind und Seehirsche am liebesten Seegras fressen, hatte auch keiner mehr Angst vor dem Baden im See. Die Flosse haben wir leider nicht 'live' zu Gesicht bekommen, aber einigemale sahen wir Teile vom Geweih aus dem Wasser ragen. Und wir konnten einmal sogar das Röhren des Seehirschen vernehmen, das tief aus dem Wasser zu uns drang.

13. Juli
Wer hat Angst vorm schwarzen Mann - oder Rescue Anne is back again

Die Jugendherberge Malente liegt auf einer Halbinsel im Kellersee und das Gelände ist groß und hat viele Bäume. Die Kinder dürfen in Dreiergruppen überall hin und spielen. Immer erreichen uns von ihnen Meldungen, sie hätten einen schwarzen Mann gesehen. Im Wasser und zwischen den Bäumen und im Gebüsch. Aber wenn sie genau hingeschaut haben, war er weg. Sehr seltsam.
Leider können viele Kinder in der Nacht schlecht schlafen. Spiegel werden mit Handtüchern verhängt. Betreuerinnen trösten und der Pastor spricht noch einen Abendsegen.Dorothee kommt für zwei Tage und macht einen Erste-Hilfe-Crashkurs. Alle dürfen ihre Wunden, Kratzer etc. gegenseitig verbinden und Dorothee zeigt, wie man es richtig macht. Das macht Spaß und wir sehen die tollsten Verbände an allen möglichen Körperteilen, einschließlich Augenverband. Dann wird die stabile Seitenlage gezeigt und geübt, immer zwei zusammen. Ist manchen ein bisschen peinlich. Aber es soll noch schlimmer kommen - Mund-zu-Mund-Beatmung. „Iiii- wie ekelig.“ „Das mache ich nicht.“ „Lieber sterbe ich.“ Zum Glück hat Dorothee Rescue Anne mitgebracht. Eine Puppe, mit der man Herzmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung üben kann. Die meisten trauen sich dann Rescue Annes Herz zu massieren und sie zu beatmen.

Am nächsten Tag hängt ein Anschlag an der Rezeption der Jugendherberge mit folgendem Text: Die Jugendherbergspolizei bittet um Ihre Mitarbeit Hinweise gesucht. In den letzten Tagen häufen sich die Anfragen der Bevölkerung nach einem schwarz gekleideten Wesen, das in den Wäldern um Malente gesehen wurde. Es ist immer nur sehr kurz zu sehen. Ob von dem auch als „schwarzer Mann“ bekannten Wesen Gefahr ausgeht, ist nicht bekannt. Wir würden den Fall allerdings gerne aufklären. Deshalb an alle die Frage: Wer kennt diesen Typen? Darunter ein Foto von einer undeutlich und verschwommen zu sehenden Gestalt in Schwarz mit einem rot leuchtenden Gesicht.

Irgendwie kommt es einigen bekannt vor. Ist das nicht - Rescue Anne? Aber das kann doch gar nicht sein, das ist ja eine Puppe. Eine Wiederbelebungspuppe! Sollte der letzte Wiederbelebungsversuch erfolgreich verlaufen sein? Hatte sich die nackte Puppe das schwarze Jackett aus der Verkleidungskiste geholt und war dann im Wald verschwunden? Durchaus möglich.

Abends gab es dann einen Horrorkurzfilm. Titel: Wer hat Angst vorm schwarzen Mann. Altersfreigabe: ab 80 Jahren. Vor der Vorführung wurde noch einmal eindringlich nachgefragt, ob wirklich alle Kinder den Film sehen mögen. Aus den Lautsprechern ertönt die d-moll Toccata in voller Lautstärke (wegen des Resthörvermögens/bzw. Schwerhörigkeit). Aus dem schwarzen Leinwandhintergrund taucht ein rot leuchtender Kopf auf. Die Kinder schreien laut: „Der schwarze Mann!“ Er bewegt sich über die Leinwand und wird angeleuchtet. Jetzt ist das Gesicht weiß und man sieht den schwarzen Anzug aus der Verkleidungskiste. Die große schlanke Gestalt hat einen schwarzen Hut auf. Dann wieder Dunkelheit. Die Gestalt wandert von rechts nach links über die Leinwand, wird schauerlich größer und kleiner. Plötzlich hat sie blau leuchtende Hasenohren. Dann kann man das Gesicht deutlich sehen. Es ist Rescue Anne. Die Kinder schreien noch lauter. Jetzt wieder Licht. Deutlich kann man zwei Betreuer sehen, die Rescue - Anne von unten stützen. Man kann auch die hellen Hosen unter dem schwarzen Jackett aus der Verkleidungskiste sehen.

Dann erscheint die Schrift auf der Leinwand - „Rescue Anne - wir kriegen dich - du bist erledigt.“ Eine weitere Gestalt taucht auf, stürzt sich auf Rescue Anne und kämpft sie nieder. Der rot leuchtende Kopf erlischt. Ein bleiches Puppengesicht in schwarzem Jackett bleibt am Boden liegen. Das war es. Die Kinder schreien: Lüge, Lüge. Ihr habt den Film gemacht. Ihr habt die Puppe verkleidet. Da kommt ein Betreuer im schwarzen Jackett in den Raum. Die Kinder schreien als sie das Jackett sehen. Der Betreuer zieht es aus und jeder darf es anziehen und „Schwarzer Mann“ spielen. In dieser Nacht können alle gut schlafen.12. Juli
Die Jugendherberge.
Wir sind jetzt für zwei Wochen weg von zu Hause. Wir, das sind 25 gehörlose und schwerhörige Kinder und 6 bis 8 Betreuerinnen und Betreuer. Mit dem Bus sind wir fünf Stunden unterwegs gewesen, wir sind - Gott sei Dank - gut durchgekommen. Die Jugendherberge liegt im Wald mitten im See. Naja, nicht mittendrin, sonst wäre sie auf einer Insel, aber das Wasser ist doch fast ganz um uns herum. Wir haben ein eigenes Haus ganz für uns alleine. Ein Zimmer für die Jungen und vier Zimmer für die Mädchen. Vier für die Betreuer und einen großen Tagesraum. Zuerst bringen wir unsere Sachen auf die Zimmer, dann gibt’s Abendessen. Den einen schmeckt´s, den andern nicht, kann schon mal vorkommen. In den nächsten Tagen passen sich Geschmäcker und Essen aneinander an und keiner muß hungrig vom Eßtisch aufstehen. Vor dem Essen wird natürlich gebete. In Gebärdensprache. Von den Kindern, die im letzten, oder vorletzten Jahr dabei waren melden sich einige, die sich auf den Stuhl stellen und vorbeten wollen: „Guter Gott. Du hast uns auf der Fahrt beschützt. Wir hatten keinen Unfall. Jetzt sind wir hungrig und durstig. Danke für Essen und Trinken. Amen - Guten Appetit.“ Und alle stürzen sich zur Essensausgabe.

Nach dem Essen werden die Grenzen abgesteckt. Das ist einfach. Auf der Seite zum Land hin gibt es einen Zaun. Und ansonsten ist das Wasser die Grenze. „Dürfen wir im See baden?“ Ja aber es muß eine Betreuerin dabei sein. „Dürfen wir alleine auf dem großen Gelände herumlaufen?“ Ja aber ihr müsst mindestens zu dritt sein. Wenn etwas passiert bleibt einer da und der andere holt Hilfe.

Wir setzten uns in unseren Tagesraum und machen Kennenlernspiele, bei denen wir unsere Namen und Gebärdennamen verraten und erzählen, wo wir zur Schule gehen und wieviele Geschwister wir haben, und was wir gerne machen. Dann gibt es noch was zu trinken und ab geht es ins Bett. Es ist sehr schön hier in Malente.

Münster / Kellersee. Knapp zwei Wochen verbringen 25 acht bis 15-jährige Urlauber und sieben Betreuer ihre Ferien am Kellersee - organisiert von der Gehörlosenseelsorge Münsterland. Ein Bergfest, die traditionelle Lagerolympiade und ein Kickerturnier sind einige der Lagerhöhepunkte. Übernachtet wird in einer Jugendherberge. Das Besondere: Es wird ausschließlich in Gebärdensprache kommuniziert.


27 · 06 · 09


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