Nordwalde - Friedhelm Münters Leben geriet gleich nach der Geburt ins Trudeln. An dem Tag, an dem er im Alter von drei Monaten in seinem ersten Kinderheim landete, begann eine Zeit zwischen Abenteuerland und Hölle. Münter ist eines der Heimkinder, die in den 50er und 60er Jahren alles mögliche am eigenen Leib zu spüren bekommen haben: Schläge, Schreie, sexuellen Missbrauch. Wer ins Bett gemacht hatte, musste mit dem nassen Laken durchs Haus laufen und so allen zeigen, dass er „das größte Schwein im Heim“ war. „Ich war traumatisiert“, sagt Münter heute. Anfang April fährt er wieder nach Berlin, um am Runden Tisch teilzunehmen. An dem reden ehemalige Heimkinder, Bund, Länder, Kirchen und Jugendhilfe über diese Nachkriegsgeschichte.
„Das ist dringend nötig“, findet Münter. „Ich habe Jahrzehnte gebraucht, bis ich das alles verarbeitet habe“, sagt der Bär von einem Mann. Hat niemandem erzählt, dass er mit vier Jahren im Sack vom Nikolaus landete, statt Süßigkeiten geschenkt zu bekommen; dass er und seine Schwester auseinandergerissen wurden, nur weil Schwester Ilse in den 60er Jahren meinte, die Luft in Nordwalde sei zu schlecht und er brauche eine starke Männerhand. Die hat er in Werl bekommen - und wurde gleich von einem Erzieher in Werl missbraucht. Das war für ihn neu - und die Hölle: 56 Jungs auf vier Erzieher, Antreten wie auf dem Kasernenhof, Kinderarbeit. Die Zeit danach beschreibt Münter so: „Ich trudelte durchs Leben.“