Rückblick: 2009 spielte David Garrett in Münster "zum Knuddeln"

Lässt sich sogar vom Publikum auf die Finger schauen: Geigenvirtuose David Garrett.
Lässt sich sogar vom Publikum auf die Finger schauen: Geigenvirtuose David Garrett.
(Foto: Gunnar A. Pier)


18. Januar 2010, Münster. Grieg, Brahms, Beethoven - das gab es vor zwei Monaten bei Schoneberg in Münsters „schönstem“ Konzertsaal. Damals steckte David Garrett, der etwas andere Geiger, in schwarzem Anzug, schwarzem Hemd. Wenn er, wie jetzt am Freitag in der Halle Münsterland, sein Crossover-Programm auflegt, ändert sich auch die Garderobe. Moderat schlabbernde Jeans, Turnschuhe, ein cooles T-Shirt, Sakko - und natürlich der schwarze Hut, unter dem hinten das kleine Zöpfchen hervorlugt. Ein richtig sympathischer junger Mann mit einer Ausstrahlung, die noch den letzten Winkel der riesigen Halle erreicht.

„Schönen guten Abend, Münster“ - und los geht die Reise, erst einmal zu den karibischen Piraten. Garrett klappert dabei die Notenpulte seiner vier Band-Kollegen einzeln ab, dreht sich in Richtung Neue Philharmonie Frankfurt, das Orchester, das an diesem Abend für satte sinfonische Klänge sorgt. Ein netter Gruß in die Runde!


Sicher ist Garrett der Star, der die Blicke magisch anzieht. Aber er weiß, dass seine Kollegen ebenso wichtig sind wie er. In Antonio Vivaldis „Winter“, in Bachs berühmter „Air“, genauso gut aber auch in „Duelling Strings“. Da mutiert Garretts Stradivari zu einem Banjo, Giorgio Serci ist sein Duett-Duell-Partner auf der Gitarre. Und ohne knackige Rhythmen aus dem Off wäre der heißblütige „Csárdás“ von Vittorio Monti, dieser aberwitzige Tanz auf den vier Geigensaiten, auch nur ein warmes Lüftchen. Ganz zu schweigen vom ungeheuer dezibelstarken Beat, ohne den „Thunderstruck“ von AC/DC nicht auskommt.

Die Mischung aus Klassik und Pop kommt einfach gut an - weil sie stimmt, weil sie von den Akteuren auf der Bühne authentisch und ehrlich gemacht wird. Garrett, der gebürtige Aachener mit deutschem Vater und amerikanischer Mutter, ist nicht der große Zampano, einer, der eine billige Show abzieht. Er will gute Musik machen und gute Stimmung verbreiten, mit Charlie Chaplins „Smile“ zum Beispiel, einem hübschen Lächeln, wie es sich ganz charmant und den ganzen Abend über auch auf Garretts Gesicht zeigt.

Gern darf es auch mal ein wenig sentimental werden, ein wenig süß wie in des Geigers eigenen Kreationen, die sich anfühlen, als bisse man in einen reifen Maiskolben. Die nächste Klangexplosion lässt ja nicht lange auf sich warten, ist mitunter aber derart basslastig, dass man die Solo-Geige zwar sieht, aber kaum noch hört. Dann doch lieber klassisches Virtuosenfutter wie Paganini - oder Pablo de Sarasates „Zapateado“. Für die bindet sich Garrett eine Mini-Kamera um die Stirn, sein Blick aufs Griffbrett wird auf die Riesenleinwand projiziert. So nah hat ihm die Menge noch nie auf die Finger geschaut! Er will diese Nähe, er sucht diesen direkten Kontakt, Tausende lassen sich anstecken von seiner Begeisterung und erleben nicht zuletzt dies: einen Musiker, der sein Instrument mit traumwandlerischer Sicherheit beherrscht. Garretts „Hummelflug“-Version schlägt alle Rekorde. Und so büßte sein Geigenbogen auch am Freitag wieder eine gehörige Portion seiner Rosshaare ein. So manche Frau im Publikum hätte ihn dafür wohl am liebsten richtig dick geknuddelt.


18 · 01 · 09


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